Kaum war Thomas Kabelang aus dem Waschraum zurück und suchte zwischen seinen Sachen am Kopfende der Schlafdecke nach dem Eßbesteck, trat Erwin Göhler ins Zelt. “Na, wie war es im Gelände?" fragte er und grinste.
"Im Gelände", antwortete Thomas Kabelang gedehnt, "och, das war soweit schon in Ordnung."
"Aber?"
"Ich meine nur, es gibt Schlimmeres.“
"Meinst du den Zwischenfall mit Brassert?"
"Ja, beispielsweise.“ Thomas Kabelang blickte ihn herausfordernd an. “Du Weißt es also bereits. Nach knapp zehn Minuten.“
"Schon nach zwei Minuten wußte ich es, mein lieber Thomas. Brassert kam direkt ins Leitungszelt und ließ Dampf ab. Wir wollten gerade Schluß machen.“
"Ja, und?"
"Ja, und. Ja, und.“ Erwin Göhler starrte ihn kopfschüttelnd an. “Du hast den Befehl verweigert.“
"Richtig. Brassert hat uns gar nichts zu befehlen. Und selbst wenn einer das Recht dazu hätte, ich würde nie wieder einen sinnlosen Befehl ausführen. Nie wieder, hörst du!"

"Sachte, Thomas, sachte!" Erwin hob beschwichtigend die Hand. “Ich weiß, du warst im Krieg Soldat und hattest da deine Erlebnisse mit Schikanen und so...“
"Nicht nur als Soldat", unterbrach ihn Thomas. “Schon vorher."
"Na, gut, das war zur Nazizeit."
"Zu welcher Zeit denn sonst. Und jetzt ist eine andere Zeit. Denke ich jedenfalls.“
"Richtig", bestätigte Erwin Göhler und blickte ihn einen Moment lang überlegen an. “Und nun zum Punkt", fuhr er bedeutsam fort. “Erstens ist Brassert vollauf befehlsberechtigt. Als stellvertretender Direktor übt er nämlich automatisch die Funktion des Politstellvertreters für das Lager aus. Denn offizieller Kommandeur ist ja - auch wenn er sich hier überhaupt nicht sehen ließe - Kurzbach als Direktor der Fakultät.“
"Das verstehe ich nicht. Daß sie in Studienangelegenheiten kompetent sind, muß ich natürlich akzeptieren. Aber hier im Lager. Wozu haben wir unseren Lagerkommandeur von der FDJ?"

"Ach, Thomas", stöhnte Erwin Göhler. “Der ist Kommandeur für die praktische Ausbildung. Im Auftrage des Direktors oder der Studienleitung. So wie das Militär immer nur im Auftrage einer Regierung handelt.“
Thomas blickte ihn verblüfft an.
"Ist natürlich nur so ein Vergleich und hinkt wie ein solcher", fügte Erwin leicht bagatellisierend hinzu. "Ich will damit nur sagen, die politische Leitung entscheidet über die jeweiligen Ziele.“
Thomas Kabelang schwieg. So hatte er die Dinge bisher noch nicht gesehen. Darüber mußte er nachdenken.
"Und zweitens", setzte Erwin Göhler seine Belehrung fort, "woher willst du immer wissen, was sinnlos ist? Der Befehl 'Hinlegen!' kann doch durchaus einen Sinn haben.“
"Halt!" fiel ihm Thomas Kabelang ins Wort. "Jetzt gehst du aber unter dein Niveau. Natürlich kann er sinnvoll sein, wenn Bomben fallen oder Tiefflieger angreifen, ja, auch das Üben im Gelände. Aber erzähl mir nicht, es sei sinnvoll, wenn - wie ich nun belehrt bin - ein Politstellvertreter die einrückende Marschkolonne Staub fressen läßt. Und mit Lust. Unterbrich mich jetzt mal nicht. Ich weiß, es ist vielleicht etwas emphatisch gesprochen. Aber wir sind doch für Humanismus, wir sind doch für Menschenwürde. Wir kämpfen gegen Erniedrigung und Beleidigung des Menschen. Wie kann da ein mit Verantwortung betrauter Leiter so menschenverachtend auftreten. Ich will mir nicht anmaßen, immer mit Sicherheit entscheiden zu können, was sinnvoll ist und was nicht. In aussichtsloser Position eine militärische Stellung zu verteidigen, kann sinnvoll sein, aber auch sinnlos. Das kommt auf die Gesamtlage und auf das Ziel an. Darum korrigiere ich mich jetzt und präzisiere: Ich werde keinen Befehl ausführen, der mich oder andere erniedrigt, beleidigt oder entwürdigt."

"Nein", sagte Erwin Göhler und lächelte nachsichtig, "das sollst du auch nicht. In der Partei geht es immer um bewußte Disziplin."
"Also ist es doch berechtigt, den Befehl zu verweigern, wenn so ein Idiot von Politstellvertreter damit nur seine Macht über andere demonstrieren will."
"Weißt du", setzte Erwin Göhler an, "das ist so: Du bist ja noch nicht lange in der Partei und kannst das nicht gleich wissen. Das habe ich auch in der Sitzung gesagt. Brassert verlangte nämlich ein Parteiverfahren gegen dich.“ Er stockte eine Sekunde und fügte dann schnell hinzu: „Natürlich nur als Antrag der Parteigruppe nach einer Aussprache mit dir."
"Aha, wegen der innerparteilichen Demokratie. Verstehe."
"Natürlich", bestätigte Erwin Göhler ernsthaft. "Ein Parteiverfahren muß immer erst von der Parteigruppe beantragt werden."
"Und du als Parteigruppenorganisator, du hättest das durchdrücken müssen."
"Ich hätte gar nichts durchdrücken müssen. Weil ich die Sache nämlich abgebogen habe. Ich habe nämlich gesagt, daß du noch Kandidat bist und manches nicht wissen kannst. Und ich werde mit dir reden, habe ich gesagt. Brassert sagte, weil du Kandidat bist, sollte man mit Erziehungsmaßnahmen nicht zaghaft sein und die Kandidatur streichen. Aber da ist Heinz dazwischengefahren. "Was für ein Heinz?"
Erwin Göhler war für einen Augenblick verwirrt und begriff dann, daß Thomas Kabelang, dieser Kandidat, wirklich nicht wußte, wer gemeint war.
"Na, Heinz Schaper natürlich, unser Parteisekretär. Der machte doch die Anleitung mit uns. Alle waren da: Vertreter der Institutsparteileitungen, Gruppenorganisatoren und die Politstellvertreter der Hundertschaften. Und da sagt der zu Brassert, er hätte sich nicht wie ein kleiner Unteroffizier aufführen sollen, dann wäre das alles nicht passiert. 'Wir wollen hier junge Menschen zu Sozialisten erziehen und keine Arschkriecher. ' Er hat tatsächlich gesagt: 'Arschkriecher'. Stell dir das vor! Vor versammelter Mannschaft. 'Und', hat er gesagt, 'wer Befehle gibt, muß sich vorher überlegen, was damit erreicht werden soll. ' Kannst dir vorstellen, wie Brassert geschluckt hat. Der war doch Unteroffizier während des Krieges. Hat dann in sowjetischer Gefangenschaft eine Antifa-Schule besucht. Aber seine Unteroffiziersallüren haben sie ihm dort wohl nicht ausgetrieben. Na, jedenfalls wollte er wohl gerade etwas sagen, aber da kam Kurzbach ins Zelt. Wir waren natürlich total überrascht. Aber Heinz Schaper muß wohl schon gewußt haben, daß er kommt. Er machte jedenfalls gleich Schluß und setzte eine weitere Besprechung mit uns für vierzehn Uhr an. Gleich nach der Mittagspause. Kommst du mit Essen?"
"Wenn ich mein Eßbesteck fände", wich Thomas aus. “Hier im Stroh verschwindet aber auch alles."

"Na, ich gehe schon rüber", sagte Erwin Göhler und schlug die Eingangsplane zur Seite. "Übrigens", er wandte sich noch einmal um, "Ordnung im Zelt ist die halbe Lagerexistenz.“
Thomas Kabelang hielt die Eingangsplane fest und rief hinter ihm her: "Danke, Herr Oberlehrer!"
Ja, daran erinnerte er sich ganz deutlich, und wie Erwin im Abgehen die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und "Freundschaft!" gerufen hatte.
Da mußte er lachen. Und auch jetzt, hier vor der Tür, hinter der die Parteileitung tagte, ging ein Lächeln über sein Gesicht.
Es war aber das Eßbesteck nur ein Vorwand gewesen, sich dem Ideologiefeld Erwin Göhlers zu entziehen. Sie waren jetzt ein Jahr in der gleichen Seminargruppe, und er hatte sich zu Beginn des zweiten Studienjahres bald gefragt, ob er gut daran getan hatte, die Richtung Gesellschaftswissenschaften einzuschlagen. Hätte ihm nicht vielleicht doch ein mathematisch-naturwissenschaftliches Studium mehr gelegen? Er hatte außer den letzten zwei Jahren vor seiner Immatrikulation keinen Gedanken an Gesellschaftswissenschaften gehabt. Seit seiner Lehrzeit in den Laboratorien des Hydrierwerkes hatte er allerdings immer wieder ein bißchen mit der Kunst geliebäugelt. In seiner Freizeit malte er nicht ohne Talent und besuchte einen Abendkurs an der Meisterschule für angewandte Kunst. Doch er kannte auch das Wort von der brotlosen Kunst. Kam unter Freunden und Bekannten die Rede darauf, winkte er ab: „Wenn ich malen muß, um mein Brot damit zu verdienen, werde ich sicher nicht mehr soviel Freude daran haben.“
Das klang realistisch. Zumal er seinen Beruf liebte. Aber, dachte er oft, soll das nun alles gewesen sein? Und wenn er eine Probe Wassergas durch die Absorptionsflüssigkeit drückte oder eine fraktionierte Destillation von einer Mittelölprobe aus den Kesselwagen durchführte, ging ihm immer häufiger der Gedanke durch den Kopf, eine solche Arbeit könnte wohl jeder durchschnittlich intelligente Mensch genau so gut verrichten. Bei entsprechender Ausbildung, versteht sich. Am Ende wurde alles Routine. Aber ein Gedicht schreiben oder ein Buch oder ein Theaterstück, das war immer ein ganz individueller, einmaliger Vorgang. Wenn Newton nicht die Gravitationsgesetze entdeckt hätte, sagte er sich, wäre irgendwann ein anderer darauf gestoßen. Aber einen "Faust" konnte so nur Goethe schreiben, kein anderer.
Dennoch hätte es ihm gefallen, Chemie zu studieren und auf diesem Gebiet zu forschen, vom Ehrgeiz beseelt, große wissenschaftliche Entdeckungen zu machen. Zwei Seelen, sagte er sich manchmal, wohnen, ach, in meiner Brust. Schade, daß er nicht Goethe war.
Wie er dann doch einen anderen Weg einschlug, entschied sich erst ein paar Jahre nach dem Krieg.

 

 

 

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