Es
hatte sich damals der Kommilitone Jugendfreund Brauer aus Thomas Kabelangs
Seminargruppe im Sommer zweiundfünfzig geweigert, zur Verteidigung der
Republik ein Bestandteil des Grenzschutzes zu werden. Nicht einmal für
silberblitzende Schulterstücke zur Hervorhebung seiner Persönlichkeit
war er dazu bereit gewesen. Nein, diese Laufbahn hatte er sich nicht als Lebensweg
vorgestellt. Da half alles Diskutieren nichts. Er hatte, wie man dreißig
oder vierzig Jahre später gesagt hätte, keinen Bock darauf. Dreißig
oder vierzig Jahre später konnte sich Thomas Kabelang auch nicht mehr
daran erinnern, wie die Tage mit dem Jugendfreund Brauer im Sommerlager weitergegangen
waren. Man hatte ihn wohl gleich nach Hause geschickt. Ein oder zwei Tage
später ging auch das Lagerleben zu Ende. Womit aber der Sommer noch lange
nicht vorüber war. Im Gegenteil. Er fing jetzt erst richtig an. Denn
die Tage dieses Sommers wurden für ihn die Tage mit Andrea.
Sie saßen in der fast leeren Mensa, löffelten ihren Nudeleintopf
und überlegten, wie sie die weiteren Ferienwochen mit wenig Geld gemeinsam
verbringen könnten, als das Schicksal zwischen den Tischreihen auf sie
zukam und "Hallo!" sagte. Es war ein junger Mann, den Andrea, wie
Thomas Kabelang erfuhr, flüchtig aus der Antifa-Jugend in ihrer Heimatstadt
kannte. Wie sich herausstellte, war er jetzt Junglehrer und mit der Betreuung
oder Organisierung von Kinderferienlagern beauftragt.
Er bewies einen beängstigenden Redefluß, der auf die Frage hinauslief,
ob sie, falls sie für die Semesterferien nichts Bestimmtes vorhätten,
Gefallen daran finden könnten, als Gruppenbetreuer oder als Leiter einer
Arbeitsgemeinschaft im Ferienlager Güntersberge am Harz tätig zu
sein.
Sie hörten Güntersberge am Harz. Sie hörten kostenlose Verpflegung.
Sie hörten siebzig Mark pro Helfer und Durchgang. Sie hörten aber
auch Unterbringung im Zelt. Das war weniger hübsch, aber sie waren nicht
verwöhnt.
Für Andrea gab es kein Problem, so eine Kindergruppe von Zehn- oder Vierzehnjährigen
zu betreuen. Dazu fühlte sich Thomas allerdings weder berufen noch befähigt.
Aber vielleicht als Leiter einer Arbeitsgemeinschaft? Was käme denn da
so in Frage? Na, ja, die üblichen Interessengebiete wie Sport, Gymnastik,
Volkstanz, Musik, Basteln, Chorsingen, Naturbeobachtung, Kompaßwandern
und so, die seien alle schon versorgt.
Naturbeobachtung? Was denn da beobachtet
werde, fragte Thomas.
Na, Tiere und Pflanzen und Steine und so.
Wie, fragte er, sähe es denn mit dem Wetter aus?
Wetter?
Ja, Meteorologie. Er habe das als Flugzeugführer in der Ausbildung gehabt
und sei darin sehr gut gewesen. Schon wegen seiner physikalischen Kenntnisse
durch die Arbeit in den Laboratorien des Hydrierwerks, wo er nach seiner Lehre
selber Lehrlinge ausgebildet habe. Als Jungausbilder.
Was er sich denn da so vorstelle. Für Kinder immerhin?
Nun, ein Thermometer sollte sich doch wohl auftreiben lassen, meinte er, und
vielleicht auch ein Barometer. Ein Hygrometer, also zum Messen der Luftfeuchtigkeit,
könnte man sich zur Not selber basteln aus einem Frauenhaar, natürlich
ohne Skala, nur um das Prinzip zu zeigen. Niederschlag ließe sich einfach
messen. Windstärke. Die Wolken könnte man beobachten: cumulus, lenticularis,
stratus, alto stratus, cumulus nimbus, zirrus usw. Natürlich auch auf
Deutsch.
Das gab den Ausschlag. Gemacht, sagte der Junglehrer. Er denke, daß
sich dafür ein paar Teilnehmer finden werden.
So gerieten Andrea und Thomas in das Kinderferienlager am Harz. Gerieten in
Zeltgassen, getrennt nach Helfern und Betreuern männlicher oder weiblicher
Statur. Das störte ihre Gemeinsamkeit. Aber hier herrschten strenge Sitten.
Dennoch war es eine glückliche Zeit. Und es kam ihnen der Gedanke, die
Kluft zwischen den geschlechtsspezifischen Zeltgassen vielleicht überwinden
zu können, wenn sie als verlobt galten, dann konnte der eine den anderen,
hofften sie, doch wohl wenigstens vor dem andersgeschlechtlichen Zelt besuchen.
Denn ansonsten blieben ihnen nur die Mahlzeiten, um beieinander am Tisch zu
sitzen, und die Zeit nach dem Tagesbetrieb, um außerhalb des Sittenbereiches
beim abendlichen Spaziergang gegenseitig ihre Zuneigung zu bekunden.
An dem Abend fand auf der Veranstaltungsfläche des Zeltplatzes ein Ensembleauftritt
statt, eine Estrade, wie man damals sagte. Alle Betreuer, Helfer und Versorgungskräfte
sowie ein Teil der Schüler ab einem bestimmten Alter fanden sich dazu
auf den grün durchwachsenen Steinen der Zuschauerterrassen ein.
Andrea und Thomas waren sich schon vorher darüber einig geworden, daß
dies der Abend ihrer Verlobung werden sollte. Die Betreuerinnen aus Andreas
Gruppe wußten Bescheid. Sie würden nicht vorzeitig in das Zelt
zurückkehren, das, anders als im FDJ-Lager der ABF, mit Metallbetten
ausgestattet war, auf denen die Strohsäcke in buntkarierten Bezügen
steckten.
Andrea breitete eine Schlafdecke im Mittelgang aus, setzte eine Kiste darauf,
die sie aus dem Versorgungszelt besorgt hatte, deckte ein weißes Tuch
darüber und stellte eine geöffnete Flasche Wein nebst zwei Bechergläsern
darauf. Dann zündete sie eine Kerze an, die in einem kleinen runden Holzsockel
steckte und ebenfalls auf dem weißen Tuch Platz fand.
Als sie damit fertig war, rief sie Thomas herein, der draußen hatte
warten müssen. Er äußerte kopfnickend und mit einem leisen
Brummen seine Anerkennung zu ihrem stimmungsvollen Arrangement und glaubte,
ihr einen Kuß geben zu müssen. Aber sie entzog sich ihm sanft,
machte einen leichten Knicks und lud ihn mit einer kleinen Handbewegung ein,
Platz zu nehmen. „Geküßt wird heute erst zur Verlobung",
sagte sie mit gespielter Unnahbarkeit.
Sie setzten sich vorsichtig auf die Schlafdecke, nebeneinander mit untergeschlagenen
Beinen.
"Du darfst einschenken", sagte sie, und er tat es gehorsam.
Sie stießen mit den dicken Gläsern an, in denen sich einmal Senf
befunden hatte. Der Wein schmeckte ihnen trotzdem, aber sie verstanden auch
nicht viel davon.
Als Andrea ihr Glas absetzte, sagte sie: "So, jetzt verloben wir uns.
Du darfst mich küssen.“
Er legte den rechten Arm um ihre Schulter und zog mit der freien Hand sacht
ihren Kopf zu sich heran. Die Kerze flackerte leicht, die Flasche und der
rote Wein warfen ihr Licht warm schimmernd zurück. Rund herum der Zeltraum
blieb im Dunkeln. Von der Estrade klang aus der Ferne Musik herein, die Melodie
eines Liedes, das jeder kannte: „...Ganz ohne Liebe kann man nicht durchs
Leben gehn.“
Thomas griff in die Tasche seiner Trainingshose, fummelte ein zusammengeknülltes
Seidenpapier hervor und wickelte es auseinander. In seiner Hand erschienen
zwei goldene Ringe. Der kleinere davon trug innen eingraviert seinen Vornamen.
Er hielt ihn Andrea zur Besichtigung hin, nahm dann ihre linke Hand und schob
ihn auf ihren Ringfinger. Ihre Augen leuchteten im Kerzenschein. Den größeren
Ring wickelte er wieder ein und schob ihn zurück in die Tasche. Sie blickte
ihn fragend an. In diesen müsse, erklärte er, erst noch ihr Name
eingraviert werden, denn mit dem jetzt vorhandenen habe es seine Richtigkeit
nicht mehr.
Andrea
wußte es. Sie kannte den Namen, der darin stand. Sie wußte auch,
wie Thomas darunter gelitten hatte. Nein, dachte sie, das sollte jetzt kein
Thema sein. Sie erhob sich und zog ihn mit sich auf ihr Bett.
Draußen vom Ensemble klang der Refrain herüber: "Ja, da gibt
es keine Reue, man fällt immer rein aufs Neue...“
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