Das neue Studienjahr begann mit jenem Zwischenfall, der Thomas Kabelang nicht erst vor der Parteileitungssitzung Veranlassung gegeben hatte, über sein damaliges Verhalten nachzudenke.
"Weißt du", sagte er, wobei er seinen Freund erwartungsvoll anblickte, "da meldete ich mich zu Wort, nachdem unser Seminardozent uns begrüßt und die organisatorischen Dinge fürs Studienjahr abgewickelt hatte, und erklärte, ich lehnte es ab, mit einem im gleichen Seminar zu sitzen, der nicht bereit ist, sich zur Sicherung des Sozialismus zu den Grenztruppen zu melden, wie wir alle.
Unser Dozent fragte den Jungendfreund, wie er sich dazu stelle, und der blieb bei seiner Position. Er sei nicht zum Studium gegangen, um Offizier an der Grenze zu werden. Er werde als gelernter Maurer gewiß auch sein Brot verdienen können. Seine Anwesenheit heute im Seminar resultiere einfach daraus, daß er nicht wisse, wie er sich nunmehr Verhalten sollte. Lust, noch weiter zu studieren, habe er sowieso nicht mehr. Er habe nichts dagegen, wieder in seinen Beruf zurückzukehren, wenn man ihn hier nicht mehr haben wolle. Es wäre wohl das beste.
Ich weiß nicht mehr, wie die Sache im Einzelnen weiterging, jedenfalls kam es so, daß er sich relegieren ließ. Damit war dann der Fall erledigt.
Aber seit mit Chrustschow die ganze Stalinismusdiskussion begann, habe ich mich hin und wieder gefragt, wie stalinistisch ich selber war. Was wäre gewesen, wenn ich damals zu Beginn unseres Abiturjahres nicht aufgestanden wäre? Dabei war das ja meine ganz unverstellte Überzeugung, die ich zum Ausdruck brachte. Es gab für mich keinerlei Vorteile, keine Leistungsrivalität, da ich anerkannt der Beste im Seminar war, und der Junge wahrscheinlich gar nicht mehr ins Abitur gekommen wäre. Aber das spielt ja keine Rolle. Außerdem", Thomas Kabelang hob beide Hände etwas an mit gespreizten Fingern, "du weißt ja selbst, wie wir manchen durchs Abitur gebracht haben, nur weil er eine proletarische Großmutter hatte.
"Au, Mann!" rief Günter Sommer mit komisch aufgesperrten Augen aus, blies die Backen auf, griff sich in seine kurzen ehemals braunen, jetzt melierten Haare und hob sich damit etwas vom Stuhl, ließ die Haare los und sich auf den Sitz zurückfallen. „Das kannst du laut sagen.
"In Facetten", antwortet Günter Sommer lakonisch.Aber laß es keinen hören.“
"Ja, wer weiß, wieviel bornierte Funktionäre dadurch auf den Sozialismus losgelassen wurden. Aber rücken wir das einmal beiseite. Wie siehst du die Sache? Ich meine mein damaliges Verhalten.“
"Wie?".
"In Facetten, Thomas, sehe ich es. Mehrfach gebrochen.“
"In Facetten? Das ist ein merkwürdiges Bild. Facetten erinnern mich an Diamanten. Sie funkeln.“
"Ja, in Rot und in Grün und in Blau oder Weiß - gleich wie, aber immer rein.“
"Der reine Tor, nicht wahr? Ach, komm mir nicht mit solcher Romantik.“
"Vielleicht denke ich an die Romantik der frühen Jahre. Du sagtest doch selbst, du habest aus unverstellter Überzeugung gehandelt, also aus reiner Überzeugung. Oder? Vielleicht fällt das mit unter das Kapitel Exzentriker. Aber halten wir uns prosaisch. Es gibt die Situation damals, und es gibt die Sicht von heute. Ich hätte mit einem, der es ablehnte, seine persönlichen Interessen hinter denen der Allgemeinheit zurückzustellen, auch nicht in der gleichen Seminargruppe sitzen wollen. Vergiß aber nicht, daß in den Betrieben die überwiegende Mehrheit keinen Bock darauf hatte, sich für den Sozialismus ein Bein auszureißen. Da war die Situation umgekehrt, da konntest du keinen relegieren. Da mußtest du mit jedem zusammenarbeiten, weil jede Hand gebraucht wurde. Als ich damals in der Wismut war, untertage, was meinst du, wofür die Kumpel gearbeitet haben? Für den Sozialismus? Na, du glaubst doch wohl nicht an den Weihnachtsmann. Für den dicken Bergmannslohn, für die Förderprämien, für den Bergmannsschnaps, für die erhöhte Lebensmittelkarte und für die Nutten vorm Schacht oder in den Kaschemmen, dafür haben sie gearbeitet. Jedenfalls die meisten. Und wenn sie dich anpöbelten, weil du Mitglied der Partei warst und nichts von einem Streik wissen wolltest, konntest du froh sein, nicht eins auf die Fresse zu kriegen. So sahen sie aus, die Totengräber des Kapitalismus aus dem 'Kommunistischen Manifest'. Im Film hießen sie sogar 'Sonnensucher'. Mann, wie das klingt! Hat aber nichts genützt. Der Film wurde trotzdem verboten. Von unserer Partei. War eben kein sozialistischer Idealismus.“
"Dazu wüßte ich auch eine Geschichte. Vielleicht erzähle ich sie dir ein andermal. Jetzt komm erst einmal mit deinen Facetten zu Rande.“
"Richtig. Ich bin mitten dabei. Weil ich nämlich auch aus heutiger Sicht deine damalige Haltung für völlig in Ordnung halte. Du hast keinen Grund für Schuldgefühle. Und ich sage dir auch warum. Weil es nicht nur darum ging, das bürgerliche Bildungsprivileg zu brechen, sondern auch oder vor allem darum, Kader heranzubilden, die mit einem neuen Geist die alten Eliten ablösen sollten.“
"Ohne Zweifel. Aber" und hier hob Thomas Kabelang den Zeigefinger, "hätten wir das mit etwas mehr Toleranz nicht besser erreicht und manchen für uns eingenommen, den wir statt dessen vor den Kopf stießen?"
"Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht hätten wir den Bock zum Gärtner gemacht. Wie soll man das gegeneinander abwägen? Ich denke, in solchen Fällen kann eine revolutionäre Entwicklung harte Schnitte nicht vermeiden.“
"Es fällt mir heute schwer, das zu akzeptieren. Damals war es für mich kein Problem. Liegt das am Alter?" Thomas Kabelang wartete die Antwort nicht ab, sondern fragte: "Welche Facette gibt es noch?"
"Da wäre noch die Parteigruppe", antwortete sein Gegenüber. „Was fiel dir ein, du kleinbürgerlicher Revoluzzer, ohne Beratung mit der Parteigruppe vorzugehen!
"Ich könnte jetzt antworten, es wäre keine Zeit dazu gewesen, denn wie gesagt, es handelte sich um die erste Seminarstunde im neuen Studienjahr. Aber das wäre keine exakte Antwort. Um es deutlich zu sagen: Der Gedanke ist mir nicht im entferntesten gekommen. Nicht einmal die Frage. Die Parteigruppe", er begann jetzt belustigt zu skandieren: „...sie befand sich nicht in meinem Bewußtsein. Kannst du mir noch einmal verzeihen!".
"Das, was du damals getan hast, wäre nämlich Aufgabe deines Gruppenorganisators gewesen. Aber auch nicht im Alleingang. Ihr hättet in der Pause zusammenkommen können und die Sache bereden. Du hättest anregen oder sogar fordern können, die Parteigruppe zusammenzurufen. Und dann wird ordentlich beschlossen, was zu tun ist. So geht das in der Partei zu.“
Thomas Kabelang gab ein höhnisches Kichern von sich. “Ja,“ sagte er, "ich vergesse immer unsere Bürokratie. Da fällt mir noch ganz etwas anderes ein. Hast du damals die Parteigruppe zusammengerufen, als dir einfiel, deine eigene Sendung über Heiner Müllers "Umsiedlerin" im Alleingang freizugeben und sogar den Freigabeschein selbst zu unterschreiben?"
"Au, Mann!" rief Günter Sommer in komischem Entsetzen. „Immer auf das Schlimme! Es war keiner zum Abzeichnen erreichbar. Und die Sendung sollte gleich beginnen. Da habe ich eben die Initiative ergriffen und den Freigabeschein selber unterzeichnet. Das Mädchen vom Abspieldienst konnte das Band gerade noch auf den Teller packen, und ab ging die "Umsiedlerin". Mann, das hat mir vielleicht Ärger eingebracht.
Die Freigabe war ja nicht der größte Frust. Aber irgendjemand ganz oben wollte die "Umsiedlerin" nicht im Programm haben. Also ab mit mir in die Strafkolonie 'Aktuelle Politik'. Ad‚ Kultur! So lernte ich, daß Rundfunk etwas anderes ist als das Theater mit ein paar hundert Plätzen. Aber was du dir geleistet hast, habe ich damit noch lange nicht erreicht. Ich glaube, das hat hier überhaupt noch niemand fertiggebracht. Jetzt kommen die Nachrichtenleute.“
Er wies mit dem Kopf zum Büfett, das durch die offene Tür des Speisesaals eingesehen werden konnte. Dort versammelten sich vor den Vitrinen mit den belegten Brötchen die hungrigen Redakteure und Sekretärinnen der Nachrichtenredaktion, die ihre Neunzehn-Uhr-Meldungen auf dem Sender abgeliefert hatten. Einige stellten sich am kleinen Schalter der Suppen- und Kompottausgabe des Mittagsbüfetts an, wo es zum Abend Bratwurst, Knacker, warme Bouletten und Steaks nebst Bratkartoffeln gab.
"Neunzehn Uhr", sagte Günter Sommer. „Ich habe jetzt Cutter-Termin für meine Sendung.“ Er trank seinen Kaffee aus und erhob sich.
"Ja" sagte Thomas und stand ebenfalls auf. „Ich mache Feierabend. Um halb zehn muß ich Andrea in die Nachtschicht fahren.
Sie verabschiedeten sich.

 

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