Um Ihr Interesse an diesem Roman zu fördern hat sich der Autor entschieden, das Buch "Elite ohne Macht" als Homepage zu veröffentlichen. Leider gestattet der Unrast-Verlag lediglich die Veröffentlichung eines Kapitels. Sie können deshalb derzeit ausschließlich dieses Kapitel auf dieser Homepage lesen. Später wird es durch das nächste Kapitel ersetzt.

Zum vorangegangenen ersten Kapitel:

Die einzelnen Kapitel des Romans bilden keinen chronologischen Handlungsablauf. Vielmehr fügt sich das Geschehen um Thomas Kabelang und seinen Freund Günter Sommer aus Assoziationen gleichartiger jedoch keineswegs identischer Ereignisse zum Verständnis eines weitgespannten Bildes zusammen. So skizziert das erste Kapitel Rückblenden, die bestimmte Schlüsselerlebnisse in Thomas Kabelang wachrufen: Wie er sich als ABF-Student in einem FDJ-Sommerlager zur sportlich-militärischen Ausbildung weigert, einen unsinnigen Befehl auszuführen, der Parteisekretär des Instituts jedoch eine Bestrafung verhindert. Am selben Abend und dem folgenden Tag wird im Lager eine Kampagne gestartet, um alle männlichen Teilnehmer zu verpflichten, sich in Anbetracht der westlichen Kriegsvorbereitungen zur Offiziersausbildung bei den Grenztruppen zu melden. Als im Herbst das neue Studienjahr beginnt, läuft jedoch der Studienbetrieb ganz normal weiter. Thomas Kabelang und sein Freund Günter Sommer fragen sich, wieso die Kampagne zur Offizierswerbung, die natürlich große Unruhe verursacht hatte, so sang- und klanglos im Sande verlaufen konnte. Warum verlautete nichts mehr darüber, und warum wurde von ihnen nicht gefragt?
Warum hatte 1942 der Rekrut Thomas Kabelang den Arm gehoben als seine Gruppe als einzige der Kompanie von ihrem Unteroffizier sinnlos geschliffen worden war, und der dienstführende Oberfeldwebel abschließend gefragt hatte, wem denn die Geländeausbildung heute keinen Spaß gemacht habe. Er, Thomas Kabelang, hatte sich als einziger gemeldet. Wer wurde am nächsten Tag zum Abschluss der Rekrutenausbildung zusammen mit fünf anderen Fliegern nach Russland in Marsch gesetzt, während die Kompanie nach Frankreich abrückte?
Warum sitzt nun Thomas Kabelang sehsundvierzig Jahre später im Vorraum der Parteileitung des Rundfunks, die ein Gespräch mit ihm führen will, und fragt überflüssiger Weise die parteifromme Sekretärin, ob sie das Wort kenne „Wehret den Anfängen!“.
Und warum hatte er in den tristen Russenkasernen bei Pskow am Peipussee, die zu ihrem Quartier geworden waren, wieder als einziger die Hand erhoben, als zum Abschluss der Propaganda-Versammlung anlässlich des „Heldentodes“ der Kameraden von Stalingrad gefragt wurde, wer sich freiwillig zu den Luftwaffen- Feldbataillonen melde. Wieso war er trotzdem nach Hause gekommen?

II. Kapitel


Das hatte er ihnen nicht zugetraut. Nein, so eine Landung. Wieso hatte er ihnen das nicht zugetraut, fragte er sich. Es war doch Tatsache. Er wußte es doch. Er hatte sie doch selbst erlebt. Zweimal sogar. Einmal in Rochlitz und einmal bei Auerbach. Beide Male als ihr Gefangener. Und sie hatten den Krieg gewonnen.
Auf dem Bildschirm näherte sich das Landungsgeschwader der Küste. Wasser- und Rauchsäulen des Abwehrfeuers stiegen auf. Die Schwärme der Tiefflieger dröhnten über Schiffe und Landungsfahrzeuge hinweg auf das feindliche Ufer zu, deckten es ein mit dem Feuer ihrer Bordwaffen. Hoch oben kamen die Pulks angebrummt und luden ihre Bomben auf Verteidigungsstellungen und Nachschubpunkte ab.
Und dann die Steilküste der Normandie. Da hingen sie und hangelten sich stöhnend nach oben. Ja, das waren Amerikaner, Thomas Kabelang, ob du es wahrhaben willst oder nicht.
Er öffnete die Flasche Berliner Kindl und ließ die Hälfte ihres blonden Inhalts in sein altes Henkelglas schäumen. Ein Bier, ah!
Jetzt konnte er es kühl in sich hineinlaufen lassen. Er hatte Andrea zur Nachtschicht gefahren und deshalb vorher nichts getrunken. Nun saß er vor der Röhre und sah die Bilder jener Tage auf dem Fernsehschirm, jener Kämpfe, an denen er nicht teilgenommen hatte. Nicht auf dieser und nicht auf jener Seite. Und nichts gewußt hatte. Oder wohl gewußt hatte, aber nicht akzeptiert. Es war alles noch so weit weg von der Lüneburger Heide. Keine Bange! Wir machen hier unsere Schulflüge. 'Funker, gib mir ein q-t-e! Aha, danke. Wir kurven über Nord auf zweihundertsechzig und neunzig Grad querab auf dreihundertfünfzig. Und da ist der Leitstrahl. Alle angeschnallt? Okey. ' Düüü, düüü, düüü meldet der Leitstrahl. Nach links korrigieren. Jetzt did, did, did, did, did...und nun zurück auf Kurs. '
Daaaaaaaa...'Hört ihr's, wir sind drauf. '

Die Augen kontrollieren: Richtung halten, Geschwindigkeit halten, Höhe, Querlage. Da ist das Voreinflugzeichen! Klappen raus! Fahrwerk raus! Fahrwerk ist draußen, verriegelt. Sinken auf dreißig Meter bis zum Haupteinflugzeichen. Da ist es, schrill und hektisch: Drrrih, drrrrih, drrrrih, drrrih Los, Gas raus! Und den Knüppel nach vorn! Nicht zu viel! Den Knüppel halten auf zwei Meter sinken in der Sekunde. Stoppuhr drücken. Das sind fünfzehn Sekunden. Fünfzehn Sekunden werden zur Ewigkeit. Seitenwind verstärkt, Luvwinkel angleichen! Wollen die nicht die Bahnbefeuereung einschalten! Na, endlich, da ist sie, Noch acht Sekunden halten. Halten, halten, halten! Vier Sekunden... Dort ist das Landefeuer. Aber du kannst nicht die Höhe abschätzen. Zwischen den Lichtern der Landegasse ist der Boden unsichtbar. Das kostet Nerven. Die Stoppuhr läuft: Noch drei Sekunden bis zur Bodenberührung...

Der Zweite zuckt mit beiden Händen zur Steuersäule. „Nimmst du die Knochen weg! Blöder Hund.“ Und wieder die nervösen Hände des Zweiten. „Halt die Flossen still, Mensch!" Und da! der Stoß. Den Knüppel nachlassen, damit die Kiste beim Aufprall nicht zu hoch kommt. Ja, nur ein kleiner Hopser, und nun ein bißchen den Knüppel an den Bauch und mehr und mehr, daß sie nicht mit der Schnauze in den Dreck geht, diese Scheiß Ju 88. - Pffff! Sie blasen die Anspannung aus sich heraus. Fliegen heißt landen. Sie spüren den festen Boden unter ihrem Hintern. Das war's.

Rollen an den Start. Sie hangeln sich durch die Bodenklappe aus der Maschine heraus. Die nächste Besatzung klettert auf ihre Plätze. Macht's gut Jungs!
Kommenden Montag ist keine Beisetzung. Welch ein Tag!.

Und immer waren sie zu ihm gekommen und hatten ihn gefragt, wenn sie dran waren: „Thomas, kommst du mit als Zweiter?" Er hatte dann nur genickt. Aber er konnte nicht mit allen fliegen.

Er war sich seines Ansehens in der Fluggruppe damals gar nicht bewußt. Er verhielt sich nur so, wie er es von den anderen auch erwartete, wenn sie als Zweite mit ihm flogen. Anscheinend war das gar nicht so selbstverständlich. Nun ja, wenn es zur Nachtlandung ging, flog die Angst immer als blinder Passagier mit. Aber er ließ sich nie von ihr kommandieren. Er griff nie nach der Steuersäule. Seine Hände blieben immer über der Brust verschränkt. Aber er war auch immer hellwach und beobachtete haarscharf, was ablief, was der Erste machte. Nur einmal hatte er zugegriffen. Und deshalb wollten ihn alle gern als Zweiten. Das war noch, bevor sie auf die Achtundachtzig umschulten.

Der kleine rappelige Berginz hatte noch eine Platzrunde zu drehen, um auf die vorgeschriebene Anzahl Starts zu kommen, und der Fluglehrer sagte: „Kabelang, fliegen Sie als Zweiter mit.“ Das war eine Bevorzugung, denn jeder wollte fliegen, auch wenn für ihn der Start nicht gewertet wurde. Keinem war eine Platzrunde zu gering.

Thomas Kabelang nahm einen kräftigen Zug Berliner Kindl aus seinem alten Henkelglas und dachte daran, daß er eigentlich immer ein unglaubliches Glück in dieser zerstörerischen Zeit gehabt hatte. Allein wenn er bedachte, wie er aus dem Schlamassel herausgekommen war, als es noch gar kein Schlamassel war. Damals in Pleskau, das eigentlich Pskow hieß und am Peipussee lag, den die Russen angeblich Pskower See nannten, was eine idiotische deutsche Namensverkrüppelung ist. Denn See heißt auf Russisch Osero. Und folgerichtig heißt es nicht Pskower See, wie die Deutschen es übersetzten, sonder Pskowskoje Osero. Und das klingt doch schon ganz anders. Die Russen haben in ihrer Alltagssprache eine weitaus klangvollere Melodik als die Deutschen wahrhaben wollen.

Er kam aus dem Schlamassel heraus zu einem Zeitpunkt, als sein Freund Horst Hempel zu ihm sagte: „Mensch, Junge, bleib hier. Bei der Scheißfliegerei fällst du nur noch auf die Schnauze und brichst dir den Hals. Hier sitzen wir gelassen, bis der Krieg zu Ende ist.“

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