Ach,
mein guter Horst Hempel, dachte er, der du nur noch einen Arm hast als gelernter
Bäcker und Konditor, und wolltest nach dem Kriege eine Café-Konditorei
aufmachen in unserer Heimatstadt, von der dann nur noch der Außenrand
existierte, als wir nach Hause kamen. Wer hätte das gedacht. Du sagst
mir, bleib auf dem Boden. Aber nicht ich breche mir den Hals, sondern du verlierst
deinen Arm beim Durchbruch der Russen im Raum Staraja Russa, Welikije Luky,
Dno, wo sie den Ring um Leningrad sprengten. Da ging der Schlamassel los.
Das muß im Frühjahr gewesen sein. Ja, ein knappes halbes Jahr früher,
im November, hatte ihn Heldenklau auf die Flugzeugführerschule beordert.
Endlich.
Er hatte gleich bei der Musterung auf die Frage, was er gern machen würde,
ohne Zögern geantwortet: "Flugzeugführer, Herr Stabsarzt.„
Und als er eingezogen wurde zur Luftwaffe, hatte er dann gleich einen Antrag
zur Ausbildung als Flugzeugführer gestellt. Aber er war kein Kriegsfreiwilliger,
und deshalb blieb er erst einmal schön auf der Erde.
Ja, er wollte Flieger werden, schon bevor er in die Schule kam. Das erste
Flugzeug, das er sah, hinterließ in ihm einen unauslöschlichen
Eindruck. Sie hatten auf der Straße ihre Murmeln mit schmutzigem gekrümmtem
Zeigefinger in das kleine flache Erdloch zwischen den Pflastersteinen geschubst,
als sie über ihren Köpfen ein bisher nie gehörtes Brummen vernahmen.
Sie blickten nach oben, aber es war nichts zu sehen. Dann tauchte es aus einer
ganz anderen Richtung hoch über den Häusern auf, die den Schall
abgeschmettert hatten. Es flog schräg über die Straße, und
sie rannten begeistert um die nahe Straßenecke, von wo aus sie es noch
weiter mit den Augen verfolgen konnten. Sie schrieen und winkten hinter dem
kleinen Doppeldecker her, bis er endgültig hinter den Dächern verschwunden
war. Wie schön mußte es sein, so über alles hinwegzufliegen,
über Häuser und Straßen und Städte, weißblinkend
am blauen Himmel. Und er erklärte seinen Murmelfreunden: „Ich werde
auch Flieger.“ Sie blickten ihn bewundernd an.
Bei dieser Erklärung blieb er einige Jahre, bis er verständig genug
war zu begreifen, daß er keine Chance hatte, seinen Traum zu verwirklichen.
Aber der Wunsch blieb weiter lebendig. Und in der Mittelschule vertraute er
ihn arglos den Klassenkameraden an, mit denen er gut stand.
Irgendwann kam der Tag, an dem die Schulklasse einen Ausflug zum Flugplatz
machte. Der befand sich außerhalb der Stadt, die zu dem Zeitpunkt nicht
nur aus ihren Randzonen bestand, sondern noch prallvoll alle Häuser und
Kirchen und Straßen vorweisen konnte, in denen das Leben sich tummelte.
Es war ungefähr neun Jahre, bevor die Stadt ihre gesamten Innereien in
einer Bombennacht verlor. Vielleicht war es in dem Jahr der Olympiade in Berlin,
als Jesse Owens allen Weißen davonsprintete, und vielleicht im selben
Jahr Rudolf Harbig, der Briefträger, Langstreckenrekord lief
Flugplatz und Hangars und die Klasse am Rande des Rollfeldes, und Locke, ihr
Klassenlehrer, der Sauhund, der ihn zweimal in der Woche wegen seiner Versäumnisse
nach vorn kommen ließ, um ihm drei Hiebe mit dem brennenden Rohrstock
zu verpassen. Denn er war kein guter Schüler zu jener Zeit. Er lebte
in seinen Träumen, er wußte, daß es den Rohrstock gab, wenn
er seine Schulaufgaben nicht vorweisen konnte, er hatte davor furchtbare Angst
und machte sie trotzdem nicht. Machte sie nicht, denn die Verlockung war zu
groß.
Die Verlockung, auf der Straße mit den anderen Räuber und Gendarm
zu spielen und ums Häuserviertel zu jagen mit mächtigem Geschrei.
Oder, wenn die Nachmittagssonne brannte, im kühlen Schatten des großen
vierstöckigen Hauses, das dem alten Haveland gehörte, gegenüber
seinem schmächtigen Elternhaus, auf der Bordsteinkante zu sitzen und
Sechsundsechzig
zu spielen. Oder wenn sie ihn mit dem Schlagball jagten, und er lief an den
Häusern entlang, wo sie riskierten, eine Fensterscheibe im Erdgeschoß
einzuwerfen, stoppte kurz, daß der Ball vor ihm vorbeizischte oder machte
einen Satz vorwärts, um ihm zu entgehen.
Und die Erwachsenen hingen oben in allen Fenstern und schrieen, feuerten ihn
an oder feuerten die Werfenden an und beschimpften sie, weil sie ihn nicht
trafen. Ach, was war das für eine herrliche Jachterei! Jachterei oder
jachtern, das waren Worte dieser Stadt, die in keinem Duden zu finden sind,
darin lag etwas von Hatz und Spaß und Lebensfreude. Das war für
ihn einfach Erlebnis. Das war Leben. Machte seine Schulaufgaben nicht, schritt
dennoch jeden Morgen auf dem Schulweg tapfer seiner Strafe entgegen. Und er
war noch verwundbar und konnte bei dem feurigen Schmerz des Rohrstocks die
Tränen nicht zurückhalten. Was also, Thomas Kabelang, sollten deine
Träume vom Fliegen. Er hatte keine Chance. Er hatte nur seine Träume.
Und da stand diese übersinnlich schnittige Maschine vor der Flugzeughalle,
in die sie hineinklettern durften, ohne zu wissen, was die vielen Schalter
und Geräte zu bedeuten hatten.
Ein Mann in Fliegerkombination und Schirmmütze mit silberner Kordel kam
und sagte: „Das, Jungs, ist die schnellste Maschine der Welt, eine Messerschmitt,
die Me 109.“
Er kletterte hinein. Ein anderer mit einer blauen Technikerkombination half
ihm beim Anlegen der Gurte und nahm die Schirmmütze an sich, die gegen
eine Fliegerhaube ausgetauscht wurde. Der Flugzeugführer schob das Kabinendach
nach vorn, bis es einrastete. Er hob die Hand und der Techniker ebenfalls.
Dann begann die Luftschraube langsam, sich zu drehen, und plötzlich sprang
donnernd der Motor an. Die umstehenden Jungens spürten in ihrer Brust
das Dröhnen von zweitausend PS. Nein, es waren noch gar keine zweitausend.
Die kamen erst am Start zur Wirkung. Jetzt rollte die Maschine hinaus auf
die Startbahn. Und dann raste sie über das Rollfeld, löste sich
springend vom der Grasnarbe und zog in einer eleganten Kurve nach oben.
Später, als er sie selber flog, hatten sie Kavaliersstart dazu gesagt.
Verächtlich. Ein richtiger Flieger machte so etwas nicht. Es war nur
Imponiergehabe.
Nach einer Runde stieß die Maschine hinten auf den Platz hinunter und
schoß im Tiefflug auf sie zu. Fegte zwanzig Meter über ihre Köpfe
hinweg. Sie brüllten und winkten wie seine Murmelfreunde vor acht Jahren,
als sie das erste Flugzeug ihres Lebens sahen.
"Na, Jungs", sagte Locke, ihr Klassenlehrer, der Mathematik und
Physik gab, und leider obendrein Chemie, "wer will denn mal Flugzeugführer
werden?"
Keiner meldete sich. Auch nicht der Schüler Thomas Kabelang. Er spürte,
daß Locke ihn ablehnte, den verspielten Träumer, den schmalen verschüchterten
Wicht, der trotz aller Prügel seine Hausaufgaben nicht machte. Doch irgendjemand
nannte seinen Namen, und noch einer: „Der Thomas. Der Thomas Kabelang
will Flieger werden.“
"Kabelang?" Locke blickte ihn an. „Kabelang", sagte er
verächtlich, „du wirst nie Flugzeugführer.“
Und es sah auch alles danach aus.
Erst kurz vor Beginn des letzten Schuljahres begriff er, daß wirkliches
Leben nicht durch Träume ersetzt werden konnte. Aber es blieb nicht mehr
viel Zeit. Er begann nun endlich, wenigstens in dem Fach zu büffeln,
das ihm neben Malen und Zeichnen am besten gefiel, obwohl Locke es unterrichtete.
Er paukte sich die Symbole und Formeln der Chemie ein, die Atomgewichte der
Elemente, die Molekulargewichte ihrer wichtigsten Verbindungen, die Herstellung
von Schwefelsäure und Ammoniak und Soda und von Benzin aus Braunkohle.
Er wurde etwas besser in Mathe und Physik, aber seine Aufsätze blieben
dürftig. Noch hatte er nicht begriffen, daß es nicht reichte, seine
Vorstellungen und Gefühle und Gedanken im Inneren zu haben, sondern,
daß man sie aus sich herausbringen mußte, sich mitteilen mußte.
Und es dauerte noch lange, ehe er dahinterkam. Doch bis zur Abschlußprüfung
blieb nicht mehr viel Zeit, um alles Versäumte aufzuholen. Aber er schaffte
die Mittlere Reife mit mäßigem Durchschnitt und mit einem "Gut"
in Chemie. Damit bekam er seine Lehrstelle in dem blitzneu hingestellten Hydrierwerk
im Industriegelände der Stadt, draußen bei Rothensee. Dort wurde
Benzin aus Braunkohle hergestellt. Denn Räder müssen rollen für
den Sieg, wie es ein halbes Jahr später hieß, als sie den Einmarsch
in Polen bejubelten. Und Motoren müssen donnern gegen das perfide Albion.
Denn wir fliegen, denn wir fliegen, denn wir fliegen gegen Engelland. Und
sie sangen das Lied noch immer, obwohl die Luftschlacht über dem Atlantik
längst zugunsten des perfiden Albion entschieden war.
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