So flog der kleine Berginz seine Platzrunde und Thomas Kabelang flog mit ihm. Flog mit ihm in der W 34, dem Wellblechkasten mit einem Motor, der aussah wie eine auf einen Motor zusammengeschrumpfte Ju 52. Stieg mit ihm auf zweihundert Meter, wo der kleine Berginz vorschriftsmäßig das Gas rausnahm und die Maschine andrückte, und der Obergefreite Kabelang das Handrad zwischen ihren Sitzen drehte und damit die Klappen einfuhr. Der sich dann zurücklehnte und die Lüneburger Heide unter sich betrachtete und sich wunderte, weshalb der Erste nicht wieder das Gas nachschob. Der aber hatte den kleinen Knopf für die Notleistung schon gedrückt, und der Gashebel befand sich schon auf dem äußersten Punkt. Aber der Motor kam nicht. Verdammt! Sollte der Haupttank leer sein? Dann mußte vom Nebentank in den Haupttank umgepumpt werden. Thomas Kabelang griff den Hebel über seinem Kopf und fing an, damit zu pumpen, indem er ihn nach links und rechts bewegte.
Was für eine idiotische Technik, dachte er schnaufend. Und sein Atem stieß aus ihm hinaus wie bei einer Jachterei gegen den Schlagball. Doch der Motor kam nicht. Die W 34 aber, dieser Blechkasten mit dem schweren Sternmotor aus Bayern, fällt, wenn der Motor wegbleibt, wie ein Klavier aus dem vierten Stock. Um sie nicht abkippen zu lassen, drückte Berginz die Schnauze nach unten und holte Fahrt auf. Gleichzeitig mußte er laut Vorschrift die erste Linkskurve einleiten. Thomas bedeutete ihm mit den Händen, die Kurve flach zu halten. Aber es änderte nichts daran, daß sie dabei weiter an Höhe verloren. Thomas fing erneut an zu pumpen und schaltete auf den zweiten Nebenbehälter. Es nützte nichts. Doch plötzlich kam der Motor wieder und sie konnten die Höhe halten. Aber nur für ein paar Sekunden, dann spuckte er und blieb erneut weg. Kurz darauf kam er wieder und setzte dann erneut aus. Das Spiel wiederholte sich mehrmals, wobei sie immer tiefer gingen.

Unter ihnen lag die schöne Lüneburger Heide im warmen Mittagssonnenstrahle, der sich im Gedicht so schön auf Gräbermale reimt. Überall nur verstreute Bäume, keine freie Fläche für eine Notlandung. Das konnte nur gegen den Baum gehen.

Sie hatten nun die Gegengerade erreicht. Da, vor ihnen endlich ein geschlossener Wald, eher eine reifere Schonung. Sechs, sieben Meter hohe Tannen mit weichen Wipfeln, und sie mit dem spuckenden Motor nur zwei Meter darüber. Sie können gerade noch so die Höhe halten. Plötzlich eine Lichtung, und im selben Moment wieder der Motor weg. Die Kiste sackt in die Lichtung hinein, hängt schon unter den Wipfeln. Thomas zeigt mit angehobenen Händen: Wirf sie flach dagegen. Berginz hat schon den gleichen Gedanken und zieht dem Blechkasten die Schnauze hoch. Thomas greift mit den Daumen unter seine Schultergurte. Natürlich, denkt er, locker wie immer. Scheiße. Er sieht dicke Schweißtropfen auf der Stirn des kleinen Berginz. Die Luftschraube faucht im Leerlauf. Die Maschine bäumt sich hoch. Gleich muß sie mit der Unterseite der Tragflächen gegen die Tannenspitzen fallen. Allüberall auf Tannenspitzen sieht man goldene Lichtlein blitzen. Welch ein irrwitziger Gedanke, sagt sich Thomas Kabelang, jetzt im Sommer. In dem Augenblick heult der Motor auf und zieht die Kiste schräg nach oben, hebt sie über die Hürde. Das Fahrwerk nimmt eine Tannenspitze mit, links steigen in einiger Entfernung weiße Leuchtkugeln auf. Alarm für Löschzüge und Rettungsfahrzeuge.

Zwei Meter hoch scheppert die W 34 über den Wald hin. Der Motor spuckt und knattert nur noch.

Da! Vor ihnen der Abstellplatz für die Maschinen. Links das Rollfeld, zu dem vom Abstellplatz der breite Rollstreifen hinführt. Los, ganz vorsichtig links einkurven. Thomas Kabelang macht mit ausgebreiteten Händen eine flache Bewegung nach links hinüber. Der andere weiß schon. Die Maschine schiebt sich, mogelt sich in Richtung Rollstreifen. Aber durch die flache Kurve fällt der Radius größer aus. Sie kommen etwas nach rechts versetzt über den Rollstreifen. Unter ihnen die Boxen - jeweils zwei parallel zueinander aufgeworfene Erdwälle, zwischen denen eine Maschine Platz hat und einigermaßen vor Bombensplittern und Tieffliegerbeschuß geschützt ist. Sie rasen mit hundertvierzig Stundenkilometern auf die letzte Box rechts am Rollstreifen zu. Der Motor ist jetzt total weggeblieben.

Naja, denkt Thomas Kabelang, der Schwung reicht noch, um darüber hinwegzuspringen. Er verharrt gespannt. Gleich muß der kleine Berginz anziehen. Na, los, jetzt! Was macht er denn! Und in einem Gedankenmoment, der schneller abläuft als Worte, weiß er, daß der kleine Berginz von seinem Platz aus über das hochgewölbte Armaturenbrett hinweg die Boxen rechts unter sich nicht sehen kann. Und im selben Moment packt er vor sich die zweite Steuersäule und zieht sie an sich. Und im selben Moment oder nur einen Sekundenbruchteil später, nur so lange die Maschine braucht, um zu reagieren, schlägt das Fahrwerk auf, doch infolge Thomas Kabelangs Reaktion kracht es nicht frontal gegen das Hindernis, was zum Überschlag geführt hätte, sonder genau oben auf die schmale Tafel des Erdwalls. So macht die schwere Maschine nur einen mächtigen Satz, der noch ausreicht, um über den Zaun am Rollfeldrand zu springen. Und im selben Augenblick überläßt Thomas Kabelang die Steuersäule wieder dem Ersten, der die Kiste weiter geradeaus hält. Und im selben Moment reißt er ihm und sich die Kehlkopfmikrofone vom Hals, schiebt den Gashebel zurück, schließt den Brandhahn, nimmt die Zündung raus und schaltet das Netz aus. Er hätte noch das Kabinendach abwerfen müssen, aber dazu war keine Zeit mehr. Der alte Wellblechdampfer, vom Ersten unerschütterlich geradeaus gehalten, setzt auf. Rollt quer in den Platz hinein, quer zu Start- und Landebahnen. Die Luftschraube schnauft noch ein paar Umdrehungen im Leerlauf, bleibt dann schnell stehen, kurz nachfedernd.

Sie fallen in ihre Sitze zurück. Pffff! Feuerlöschzüge und Rettungsfahrzeuge wenden in der Mitte des Platzes und kehren um. Ende der Vorstellung.
Thomas Kabelang und Alois Berginz klettern aus ihrer Kabine, halten auf der Tragfläche Ausschau nach den Fluglehrern und den anderen, die vom Start angerannt kommen. Und dann spüren sie, wie ihnen die Hände zittern, als hätten sie die Parkinsonsche Krankheit.
Aber macht nichts. Wieder einmal keine Hautabschürfung.

Überhaupt, dachte er und nahm einen tiefen Zug aus dem Glas Berliner Kindl, überhaupt war es besser, auf einen Schlag sauber zu einem blutigen Paket zusammengequetscht zu werden wie ein Schrottauto in der Presse, als wochenlang, monatelang oder jahrelang im Dreck zu liegen und schließlich doch in einem Schlammloch zu verröcheln. Natürlich konnte man auch Glück haben, wie sein Freund Horst Hempel, und nur einen Arm verlieren. Dann verbrachte man den Rest des Krieges zu Hause. Sofern man nicht vor den Russen flüchten mußte. Oder eine Bombe auf den Kopf kriegte.

Jedenfalls hatte ihn Heldenklau davor bewahrt. Der war in Gestalt eines hochgewachsenen Typs erschienen, mit breiten Schultern, auf denen sich dickraupige Geflechte mit ein oder zwei Sternen ausbreiteten. Er trug zwar die Farbe der Luftwaffenuniform, aber diese geflochtenen Schulterstücke waren anders. Sie waren zwar imponierend dick, aber schmaler. Und sie zeigten nicht die gelbe Umrandung der Luftwaffe, sondern eine rosafarbene. Thomas Kabelang gelangte zu dem Schluß, daß es sich um einen Inspektor oder Ingenieur oder beides im Rang eines Obersten handeln mußte. Der Schreibstubenbulle knallte die Hacken zusammen, nahm stramme Haltung an und meldete, Hauptmann Müller sei zum Mittagessen gegangen. Heldenklau bedankte sich und fragte, ob sich Leute dieser Einheit zum Fliegenden Personal gemeldet hätten. „Jawoll", hatte der Schreibstubenbulle geantwortet. „Jawoll, Herr Oberstingenieur!" Oder Herr Oberstinspekteur? Thomas Kabelang hatte nicht recht auf die Bezeichnung geachtet, und wenn er sie verstanden haben sollte, war sie ihm heute entfallen.
Der Schreibstubenbulle nannte zwei Namen: "Jawoll, Herr Oberstdingsbums: Unteroffizier Krause und der Gefreite Kabelang. „

Natürlich sagte er nicht wirklich Oberstdingsbums, wie Thomas Kabelang bei seinem Berliner Kindl vor sich hin sann, sondern nannte die richtige Bezeichnung. Und der Riese Heldenklau sagte: „Die können gleich ihre Sachen packen. Ich bin in einer halben Stunde wieder hier.“ Mit diesen Worten riß er die Tür auf und verschwand.

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