Es wollte aber der Gefreite Kabelang gerade in Urlaub fahren. Deshalb stand
er hier und wartete auf die Transportpapiere, die auf dem Schreibtisch lagen
und nur noch vom Kompaniechef unterzeichnet werden mußten. Von hier
aus ging die Urlaubsfahrt immer in Form eines Gerätetransports vonstatten.
Diesmal handelte es sich um ausgediente oder beschädigte Flugzeugmotoren,
die er bei einer Dienststelle in Warschau abzuliefern hatte. Und so sehr ihn
die Worte Heldenklaus in Hochstimmung versetzt hatten, auf seinen Urlaub wollte
er deshalb doch nicht verzichten. Wenn es sich einrichten ließ.
Der Schreibstubenbulle blickte ihn ratlos an und zuckte mit den Schultern.
Tja, was soll man da machen?
Fünf Minuten später kam der Kompaniechef, und der Schreibstubenbulle
machte Meldung über Heldenklaus Erscheinen.
"Los,“ sagte der Kompaniechef zu dem Gefreiten Kabelang und unterschrieb
die Papiere, "Verpflegung fassen und runter zum Anschlußgleis.
Die Waggons sind schon beladen. Setzen Sie sich rein, und hoffen Sie, daß
Sie rausgezogen werden, bevor wir Sie zurückholen müssen.“
"Danke, Herr Hauptmann!"
Er knallte die Hacken zusammen, griff die Papiere und stürmte hinaus.
Es gehörte
sich für einen Betriebsangehörigen, der die Uniform trug, das Kleid
der Ehre, dem Betrieb im Urlaub einen Besuch abzustatten. Für den Gefreiten
Kabelang war das keine formale Verpflichtung. Er fühlte sich den Männern,
die ihn ausgebildet hatten, zutiefst verbunden. Sie hatten ihn, wie ihm später
klar wurde, zu einem Menschen gemacht. „Ein Mensch. Wie stolz das klingt!"
Er kannte dieses Wort noch nicht, das Wort des großen Schriftstellers,
dessen Werke nicht zum Bestand der Leihbibliothek gehörten, die er in
seinen Schülerjahren gelegentlich betreuen durfte. Eines Schriftstellers,
dessen Bücher zu jener Zeit in keiner öffentlichen deutschen Leihbücherei
zu finden waren. Nein, er kannte das Wort nicht. Aber er spürte dessen
Atem, als ihm sein Lehrmeister zurief: „Zieh durch, Thomas, das schaffst
du. Halt den Ball fest und durch! Jaaaah, jaaah!"
Und er hatte mit dem freien Arm um sich geschlagen, um die Gegenspieler abzuwehren,
und er hatte ihre schmerzhaften Knüffe und Schläge und Hakeleien
gespürt, mit denen sie ihn zu Fall zu bringen oder abzudrängen versuchten-
macht nichts! Macht nichts, steck es ein! und war trotzdem mit dem Ball durchs
Tor gelaufen. „Bravo, Thomas! Bravo Thomas! Ja, es tut manchmal weh,
aber das geht vorbei. Beiß die Zähne zusammen, schlag zurück!"
Das war der Kampfball, mit dem jeden Morgen oder fast jeden Morgen der Arbeitstag
begann. Frühsport. Lehrzeit in einem nationalsozialistischen Großbetrieb.
Jungens, ihr seid Deutschlands Zukunft! Hart wie Kruppstahl, zäh wie
Leder und flink wie die Windhunde.
Ja, er dachte das Wort "nationalsozialistisch". Er dachte nicht
das Wort "faschistisch". Er hatte beide Worte falsch verstanden
oder sie waren ihm falsch erklärt worden. Faschistisch hieß für
ihn nur Disziplin und Ordnung und Härte im Sinne von abgehärtet,
womit er aber nur begrenzt etwas anzufangen wußte. Und "nationalsozialistisch"
hatte für ihn etwas mit gemeinschaftlichem Besitz des Betriebes zu tun.
Er hielt den Betrieb für das Gemeineigentum der dort Arbeitenden. Es
war ein Betrieb des Volkes. Es war s e i n Betrieb. Es machte ihm daher nichts
aus, als Lehrling auch nach Feierabend im Lehrlabor zu arbeiten, dort herumzuexperimentieren.
Das wurde auch stillschweigend geduldet, allerdings mit der Auflage, daß
immer ein zweiter Mann im Labor sein mußte. Wegen der Sicherheit. Die
Substanzen und ihre Reaktionen setzten mitunter plötzlich sehr hohe Energien
frei. Was der Laie als Explosionen bezeichnet hätte. Im Labor natürlich
nur in Miniaturausgabe. Die Beschäftigung mit der chemischen Struktur
von Sprengstoffen hatte nicht nur einen allgemein aufregenden, sondern zu
jener Zeit auch einen durchaus vaterländischen Aspekt. Und nur wenige
Jungens vermochten, sich der Faszination der Feuererscheinungen und Knalleffekte
zu entziehen. Trotzdem entschlossen sich nur wenige aus Thomas Kabelangs Klasse,
einen solchen Beruf zu ergreifen. Genauer gesagt - niemand.
So waren seines Jahrgangs nur ihrer zwölf Lehrlinge im Ausbildungslabor
dieses Hydrierwerkes. Und nahm man die Lehrlinge aus anderen Betrieben der
Stadt mit Laborausbildungsstellen hinzu, kam gerade eine Berufsschulklasse
zusammen. Die meisten aus seiner ehemaligen Schulklasse aber visierten eine
Sparkassen- oder Banklaufbahn im mittleren Bereich an. Eben Mittelschule.
Eine Lebensaufgabe, für die ihm jede Regung abging. Und ganz bestimmt
gab es dort auch keinen Frühsport mit Kampfballgetümmel.
Das war ein anderer Geist, als in der Schule, wo er geduckt und unterdrückt
und geprügelt worden war. Nein, hier wurde er gefordert. Hier baute man
ihn auf. Hier baute man auf ihn. Hier mußte und hier konnte er sich
beweisen. Thomas Kabelang, zeig, was in dir steckt! Du bist doch ein Kerl.
Du kannst doch was.
Was er erst zu Beginn des letzten Schuljahres begriffen hatte, prägte
sein weiteres Geschick: Leben ist Einsatz.
Es waren zwei Männer, die auf ihn solchen Einfluß nahmen. Und er
dachte noch immer mit Dankbarkeit an sie. Auch jetzt, als ihm rückblickend
- und das nicht erst zu dieser späten Stunde vor dem Fernseher, sondern
schon seit fünfzig Jahren - klar war, daß sie einer Idee folgten,
einem Führer folgten, einem System anhingen, das soviel Trauer über
die Welt und noch mehr Schande über Deutschland bringen sollte. Sie hatten
nie ein Hehl daraus gemacht. Sie glaubten einfach, daß Schiller und
Goethe, Kant und Bach und Beethoven und Karl Maria von Weber und Lilienthal
und Otto und Diesel und Robert Koch und Röntgen und all die anderen großen
Geister deutscher Wiege ausreichten, alles Deutsche, also sich selbst, als
die Elite der Welt zu sehen mit dem Anspruch, als deren Herren anerkannt zu
werden. Ja, was gab es denn daran zu zweifeln!
Thomas Kabelang zweifelte nicht daran. Wie alle. Und wie allen durch Goebbels
und seine Jünger nahegelegt wurde. Sie sonnten sich in den Leistungen
anderer, deren Nationalität sie zufällig angehörten, fühlten
sich ihnen gleichgestellt, den Großen der Nation. Ach, ihr Narren! Und
natürlich Friedrich II. , und natürlich Bismarck, und der Scharnhorst
und Gneisenau und die Befreiungskriege und Zieten aus dem Busch, und Blücher
über den Rhein, der mit den Preußen zu Wellingtons Erleichterung
noch rechtzeitig bei Waterloo eingriff. Welch eine Nation, der sie angehörten!
Der Irrtum, dachte er, während die "Tagesthemen" Bilder von
der Landung in der Normandie zeigten, der Irrtum der Alliierten und der Historiker
und anderer, die Deutschland der abscheulichsten Verbrechen schuldig sprachen,
und zwar mit Recht, bestand dennoch darin, das ganze Volk als ein Volk von
Verbrechern zu betrachten und zu behandeln. Das war es nicht. Es war dumm,
es war überheblich, es hatte keinen Mut vor Fürstenthronen, Zivilcourage
gehörte mit Sicherheit nicht zu seinen Nationaleigenschaften, auch wenn
es mutige Persönlichkeiten gab, die bereit waren, im Widerstand zu sterben.
Aber das war nicht die Masse. Die Masse war Gefolgschaft und Gehorsam. Untertanen,
das waren sie.
Aber
es war kein Volk von Verbrechern. Es war ein Volk in Trance.
Sonderbarerweise hießen sie beide Otto. Der Lehrmeister und der Lehrgeselle.
Es war ja die Stadt Ottos, in der er aufwuchs. Ottos, der nach der Schlacht
auf dem Lechfeld, dann hier an der Elbe die Stellung gegen die Wenden gehalten
hatte. Damals vor tausend Jahren, als noch nicht einmal der Dom den Strom
überragte. „Den Dom, das Wahrzeichen der Stadt, erblickt man von
allen Seiten.“ Den Satz hatte er nie vergessen. Der gehörte zum
Deutschunterricht. Da mußten Kommas gesetzt werden, oder wie man später
sagte - Kommata. Was war das doch für ein Satz, überlegte er. Wahrscheinlich
ein Relativsatz? Jedenfalls hatte er gelernt, daß die Einschiebung:
"..., das Wahrzeichen der Stadt, ...“ in Kommas oder Kommata zu
setzen war. Punkt.
Thomas Kabelang fühlte sich sofort von den beiden Ottos angezogen. Otto,
der Lehrmeister, - sie redeten ihn natürlich nicht mit Otto an, sondern
respektvoll: Herr Gärtner - war groß und schlank mit blitzblauen
Augen, die in einem sympathischen Gegensatz zu seinem dunkelgewellten Haar
standen, das er kurz gescheitelt trug. So wirkte er wie ein großer Junge
mit fröhlichem Gesicht.
Thomas Kabelang wurde später oft an ihn erinnert, wenn er den jungen
James Stuart im Fernsehen sah. Ein strahlender Held. Der machte mit ihnen
den Frühsport, stand danach mit ihnen in der Waschkaue unter der Dusche,
rief beim Mittagessen vom Kopfende des langen Tisches, an dem sie saßen,
laut durch die Kantine: „Ist denn noch Suppe da?", oder leitete
den Unterricht im Labor genau so lebendig und anschaulich wie die Gespräche
über politische Fragen. Die Lehrlinge - und nicht nur die im Labor, sondern
auch die Schlosser, Rohrleger und Kaufmännischen, denn er war auch für
die allgemeine Ausbildung zuständig, - verehrten ihn und wären mit
ihm durch Dick und Dünn gegangen.
Leider wurde er immer mehr zu Aufgaben herangezogen, die mit der praktischen
Ausbildung nichts zu tun hatten. Es handelte sich wohl um ausbildungspolitische
Angelegenheiten auf Verwaltungsebene. So stand er seinen Lehrlingen immer
weniger zur Verfügung. Damit fiel im Lehrlabor dem zweiten Otto, dem
Lehrgesellen Otto Wolfert mehr Anteil an der Ausbildung der Labor- und Chemiewerker
zu. Fachlich war er genau so souverän wie Otto Gärtner, der Meister.
Aber er war weniger der Kumpel. er war der Lehrer. Er beantwortete auch nicht
alle Fragen, die der junge Thomas Kabelang an ihn richtete. Fragen, die er
nicht beantworten konnte oder nicht so beantworten durfte, wie es erforderlich
gewesen wäre.
Er neigte den Kopf mit der wuchtigen klaren Stirn und den Geheimratsecken
im dunklen, langgewellten Haar, etwas zur Seite, blickte seinen Lehrling bedeutsam
an, wenn der ihn fragte, was denn dieser Dr. Faber hier zu suchen habe, und
man so ein Gewese um seinen Besuch mache. Was denn so ein Aufsichtsratsvorsitzender
überhaupt zu sagen habe, daß alle vor ihm stramm standen, bildlich
gesprochen. Es sei doch wohl ihr Betrieb, sie arbeiteten doch hier, sie hielten
doch den Betrieb in Gang. Sie machten das Benzin für den Sieg in Polen.
Und überhaupt Aktionär und Aktiengesellschaft, wo sie doch eine
Volksgemeinschaft waren. Wo die Betriebe allen gehörten, jedenfalls diese
großen wie das Hydrierwerk.
"Na, Thomas", sagte Otto Wolfert, „ muß ich dir alles
sagen. Denk nur mal selber darüber nach. So bequem mache ich es dir nicht.
Streng dich mal ein bißchen an.“
"Na, ja", sagte der Lehrling Thomas Kabelang, „die sollen
ruhig ihre Aktien haben, was ist das schon. Wir sind es doch, die hier den
Betrieb durchziehen. Ohne uns geht doch gar nichts. Sollen die ihre Aktien
haben und das Geld einstreichen, die wahren Herren sind doch wir.“ Und
er meinte mit "wir" alle. die im Betrieb arbeiteten, die "das
lebendige Feuer der Produktion" waren, wie er später bei Karl Marx
las.
Otto Wolfert blickte ihm tief und vielsagend in die hellen grauen Augen. „Siehst
du", sagte er, "was geht uns deren Geld an. Das ist nicht unsere
Welt.“ Sagte es und wandte sich ab, anderen Angelegenheiten zu. Der
Lehrling Thomas Kabelang aber hatte keine Ahnung davon, wieviele Aktien und
wieviel Macht damit ein Aufsichtsratsvorsitzender besaß. Der hatte ja
nicht nur Aktien an diesem einen Hydrierwerk, der tauchte hier nur mal auf,
um nach dem rechten zu sehen. Hydrierwerke hatte der Führer in großer
Zahl bauen lassen. Und der Dr. Faber hatte in allen seine Finger drin. Es
waren nämlich alles Ableger von Leuna. Leuna aber gehörte zur IG
Farben, was weder Thomas Kabelang wußte noch sein Lehrausbilder Otto
Wolfert. Wenn sie es denn aber gewußt hätten, wäre ihnen die
wirtschaftliche und damit wirkliche Macht im Lande dennoch verborgen geblieben.
Der gut ausgebildete Facharbeiter blieb unausgebildet genug, um keinen Begriff
davon zu haben.
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