Horst Geßler über Horst Geßler


Mein Mentor für diese Domain, Uwe Spacek, meinte, ich sollte doch so gerne eine Vita schreiben. Dieses Ansinnen hatte vor ein paar Jahren bereits der Lektor meines Buches an mich gerichtet. Ich wusste gar nicht, was er meinte. Dann begriff ich es und geriet in arge Bedrängnis. Mein Gott, schon wieder ein Lebenslauf. Ich möchte keinem Gläubigen zu nahe treten. Mein Gott ist nur so eine Verlegenheit, weil ich ja Atheist bin. Zuerst von Geburt an. Aber auch nach meiner Taufe änderte sich daran nichts. Aber im Religionsunterricht an der Mittelschule bekam ich immer sehr gute Noten. Ich konnte die phantastischen Geschichten über die abenteuerlichen Verrichtungen des Helden der Jesusgeschichte immer hervorragend nacherzählen. Darin bestand das Kriterium für die Bewertung des Glaubens. Ehrlich - ich habe sie nie geglaubt, die Geschichten. Dennoch - das begreife ich heute - trugen sie zu meiner moralischen Festigung bei. Zum Beispiel die Story vom armen Lazarus. Moral von der Geschichte: Man lässt doch so einen lädierten Typ nicht einfach hilflos am Wegesrand liegen.

Oder das Hallodri wie der Held die Wechsler aus dem Tempel feuert. Na halloho! Das waren ja welche wie die Plutokraten, die unser Führer beabsichtigte zum Teufel zu jagen. Richtig. Auf die Straße mit dem Pack. So lernte ich die Moral von Religion und Politik und geriet in die Konfirmation. Dazu hatte die Schulklasse vorher ein Abendmahl zu besuchen. Das war Pflicht.

In der Kirche mussten wir uns vorn auf der Bühne bei unserem Pastor und seinem Assistenten anstellen. Wir hatten einen Pastor, keinen Pater oder gar Pfaffen. Bei uns ging es evangelisch zu. Ich glaube er hatte noch einen Helfer dabei. Genau weiß ich es nicht mehr. Ich schließe es nur daraus, dass wir aus einem großen Kelch oder Pokal einen Schluck Wein

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bekamen, der Rand des Gefäßes nach jeder Lippenberührung mit einem Tuch abgewischt und eine Lippenbreite weiter gedreht wurde. Außerdem legte unser Pastor jedem der Reihe nach auch noch ein Blättchen Oblate auf die herausgestreckte Zunge. Das alles konnte er natürlich nicht allein tun: Wein reichen, Rand abwischen, Glas drehen und Oblate ablegen. Also muss er einen zweiten Mann beschäftigt haben. Die Oblate war vermutlich nach dem Wein an der Reihe, denn sonst wäre sie herunter gespült worden. Jedenfalls eins ist klar: Bei unserem Abgang um das große Jesusbild herum klebten die meisten von uns die Oblaten auf die Rückseite. Ich nicht. Ich fand es unästhetisch.

Nach der Konfirmation kam ein Jahr später das letzte Schuljahr. Es kam die Frage nach der Berufswahl. Die meisten aus meiner Klasse strebten einen Büroberuf an. Am besten Sparkasse oder Bank. Manche wohl auch in der Verwaltung oder im Büro eines Produktionsbetriebes. Wir lebten ja in einer Industriestadt. Ein oder zwei, die in Mathe gut waren, wollten Landvermesser werden. Ich war nicht gut in Mathe. Ich wusste gar nicht, warum ich lernen sollte, wenn a gleich b und b gleich c ist, dass dann a gleich c ist. Das war doch klar, wozu sollte man das pauken? Mein Mathelehrer und ich, wir konnten uns nicht leiden. Einmal, bei der Dreisatzrechnung, stellte er die Frage nach den gekochten Eiern. Also, ein Ei soll vier Minuten kochen, bis es mundgerecht ist. Wie lange müssen drei Eier kochen? Was soll das denn, dachte ich. Natürlich auch vier Minuten. Aber warte, dachte ich, du Schweinehund, mich legst du nicht rein. Er rief mich auf, und ich sagte: zwölf Minuten. Daraufhin nannte er mich einen Dummkopf. Das war ich wohl auch.
Also mit Mathe war nichts. Aber Chemie interessierte mich wirklich, vor allem wenn es knallte oder Funken sprühten oder beides zugleich. Der Formelkram war nicht so mein Ding. Dennoch, sagte ich mir, was die anderen meiner Klasse im Sinn haben, ist nicht meine Welt.

Chemie wäre nicht schlecht. Dieser Gedanke fiel zusammen mit der Selbsterkenntnis, die einen gewissen Grad meiner Einsichtsfähigkeit signalisierte. Man kann es vielleicht auch Reifegrad nennen. Jedenfalls begriff ich, dass ich etwas tun musste, wenn ich mit der Abschlussprüfung ins Reine kommen wollte. Zumindest soweit, dass die Note in Chemie die Tristesse meines Zeugnisse aufhellte. Denn ich war nicht nur in Mathe unterbelichtet. Auch in Aufsatz. Und hatte eine jämmerliche Klaue, sprich Handschrift. Ich weiss gar nicht, wieso ich überhaupt auf die Mittelschule geraten bin, für die meine Eltern monatlich zehn Mark berappten, bei einem Verdienst meines Vaters als Lohnrechner bei Strube Armaturen mit sechsunddreißig Mark in der Woche. Ach, Vater, verzeih mir, ich hatte keine Ahnung vom Wert des Geldes. Ich muss wohl ein Spätentwickler gewesen sein.
Jedenfalls setzte ich mich hin und büffelte Formeln und Molekulargewichte und Herstellungsverfahren verschiedener wichtiger chemischer Grundstoffe. Selbst der Schweinehund von Mathelehrer, der auch Chemie unterrichtete, kam nicht umhin, mir in dem Fach eine Zwei zu geben.

Damit erhielt ich meine Lehrstelle. Machte meine Fachprüfung als Chemielaborwerker. Wurde Jungausbilder für den nachfolgenden Lehrlingsjahrgang und ein Jahr später, am 10. April 1942, zur Luftwaffe eingezogen, Quedlinburg, 2. Fliegerausbildungsregiment 42. Der Jahrgang geriet anschließend nach Frankreich. Ich geriet mit fünf oder sechs anderen meiner Kompanie nach Russland. Wegen unlustigen Verhaltens beim Geländerobben.
Nach weiteren unterhaltsamen Ereignissen in Russland schickte mich Heldenklau auf eine Flugzeugführerschule nach Wels. Heldenklau nannte man damals höhere Offizier aus irgendwelchen Rekrutierungsstäben, die durch die rückwärtigen Einheiten zogen und nach kampftauglichen Leuten suchten. Ich war so ein Rückwärtiger. Und ich hatte mich gleich bei der Einberufung zur Ausbildung als Flugzeugführer gemeldet. Nun waren die Verluste der Luftwaffe groß genug, dass ich dafür brauchbar war.
Aber der Krieg ging dann schneller zu Ende als meine Ausbildung zum Nachtjäger. Ich hatte immer mehr Glück als Verstand.

So kam ich nach kurzer amerikanischer Gefangenschaft in Sachsen am 26. Juni in meine Heimatstadt zurück, wo die Engländer abzogen und am 1. Juli die Russen nachrückten.
Das Hydrierwerk, in dem ich vorm Krieg gearbeitet hatte existierte nicht mehr infolge eines Moskitoangriffs mit Bombenteppich. So folgte ich dem Rat meines einstigen Lehrausbilders, der mit Begeisterung Drogist gewesen war und meinte, der Mittelstand komme immer auf die Beine. Ich fand tatsächlich eine neue Lehrstelle in einer Drogerie bei uns um die Ecke.

Irgendwann, nachdem ich mit Freunden im provisorischen Kleinen Theater die heiße Komödie "Ingeborg" von Kurt Götz gesehen hatte, sagte ich, so etwas kriege ich auch hin. Ich schrieb also eine Komödie, die ging von den Städtischen Bühnen ans Volksbildungsamt und landete auf dem Tisch des Stadtrats für Kultur. Der stellte mir ein paar Fragen, und ich wurde Kreissekretär des Kulturbundes der Stadt. Mein Stück, das die Städtischen Bühnen ursprünglich aufführen wollten, fiel unter den Tisch, denn unterdessen war die DDR gegründet worden, was ich nur am Rande wahrnahm, und der Regisseur sagte mir, dein Stück passt nicht mehr in die Landschaft. Jetzt brauchen wir den neuen Menschen auf der Bühne.
Ich kannte den neuen Menschen nicht.

Die Tätigkeit beim Kulturbund brachte mich zwangsläufig mit vielen Künstlern und Wissenschaftlern in Kontakt. Dadurch konnte ich mich der Erkenntnis nicht verschließen, dass ich von nichts eine Ahnung hatte. Das hatte Folgen: Ich bewarb mich zum Studium an der Arbeiter- und Bauern-Fakultät, machte das Abitur und studierte Philosophie.
Bei allen Wechselfällen dieser Zeit ließ es sich nicht vermeiden, über meine Vergangenheit, die Wechselfälle meines Lebens und über Politik nachzudenken. Es wurde mir klar, dass eine Entwicklung, die den Faschismus an die Macht gebracht hatte mit seinem Terror, seinem Krieg, mit Auschwitz und Judenvernichtung, dass eine solche Entwicklung sich in Deutschland nicht wiederholen durfte. Ein neues Deutschland musste aufgebaut werden, und ich wollte daran mitwirken, auch wenn mir nicht alles gefiel, was da passierte. Für diese einfache Erkenntnis hatte ich nach dem Krieg fünf Jahre gebraucht. Ich war kein Wendehals.

So kam ich zum damaligen Deutschlandsender, arbeitete auf verschiedenen Ebenen als Redakteur, ging durch Höhen und Tiefen des Rundfunks und der Politik. Nebenher schrieb ich mehr als ein Dutzend Hörspiele und - nachdem ich bereits Rentner war - meinen zweiten Roman "Elite ohne Macht". Vierzig Jahre zuvor war mein erster größerer Versuch erschienen, den ich waghalsig Roman nannte. Es war wohl nur eine umfangreichere Erzählung, die zuerst 1958 von der Berliner Zeitung in Fortsetzungen gedruckt wurde und ein halbes Jahr später als Buch beim Verlag der Nation herauskam.
Horst Geßler

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