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Um Ihr Interesse an diesem Roman zu fördern hat sich der Autor entschieden, das Buch "Elite ohne Macht" als Homepage zu veröffentlichen. Leider gestattet der Unrast-Verlag lediglich die Veröffentlichung eines Kapitels. Sie können deshalb derzeit ausschließlich ein Kapitel auf dieser Homepage lesen. Im kommenden Monat wird es durch das nächste ersetzt.

 

I. Kapitel

Vorschriftsmäßig klappte die marschierende Kolonne auseinander wie die Bauchdecke unter dem Skalpell des Chirurgen. Die linke Reihe fiel schräg nach links, die mittlere und die rechte Reihe nach rechts, etwas gedrängter. Beinahe erinnerte die so zerlegte halbe Hundertschaft an das Piktogramm einer großen Fischgräte, ausgebreitet im Jahrhundertstaub des Weges. Fast vorschriftsmäßig. Fast. Der Mangel indes bestand nicht in der dichteren rechten Hälfte. Der Mangel bestand darin, daß einer der Marschierer, einer aus der linken Reihe, nicht nach links geklappt war. Aber auch nicht nach rechts, was zwar rügenswert gewesen wäre, jedoch nicht verwerflich. Nein, er war überhaupt nicht hingeklappt, wie es das Kommando erfordert hätte. Daraufhin zögerten einige in liegegestützter Stellung, sich endgültig der Landschaft anzupassen. So konnte eigentlich von Vorschriftsmäßig gar nicht mehr die Rede sein. Was den Kommandierenden irritieren mußte.
Er stand neben dem Lagereingang auf der Böschung des Waldweges, die Hände in die Seiten gestemmt. Sonnenstreifen, die aus den Baumwipfeln herabstießen, teilten sich an der Bügelfalte seiner hellgrauen Hose. Er wiederholte das Kommando. Seine Stimme kippte bei der ersten Silbe ein bißchen weg: "Hinlegen!"

Doch es funktionierte nicht. Seine zusammengekniffenen Augen blieben auf den gerichtet, der dort stand, wo die linke Reihe hingestreckt lag, nein, hingestreckt hätte liegen sollen.
"Wie heißt du?"

"Ich heiße Kabelang.“ "Und warum legst du dich nicht hin?"
"Weil die Zeiten doch wohl vorbei sind, Genosse Brassert.“
"Das ist Befehlsverweigerung, Jugendfreund. Weißt du das?"
"Natürlich weiß ich das. Ich mache das ja nicht zum ersten Mal. „ Brassert verschlug es die Sprache. Was hieß das, er 'mache das ja nicht zum ersten Mal'? Meinte dieser Kabelang, weil er kein Achtzehn- oder Zwanzigjähriger mehr war wie die anderen, er könnte sich etwas herausnehmen?
Interessiert hatten die Liegenden die Köpfe erhoben, und die Liegestützer begannen sich aufzurichten. Verlegen und ärgerlich über ihren eifrigen Gehorsam erhoben sich nun fast alle und klopften den Staub von Hosen und Blauhemden.

Brassert hatte, als er bemerkte, daß alle aufzustehen begannen, noch schnell gebrüllt: „Alles auf!" Das änderte zwar nichts an seinem Fiasko, gab ihm jedoch die Möglichkeit, zügig abzugehen und dem Kommandeur der Marschabteilung, der Mühe hatte, seinen Verdruß ob der Bevormundung zu unterdrücken, zuzurufen: "Wieder übernehmen und weitermachen, Genosse Kommandeur!"
Bevor aber Brassert das Kommando zurückgegeben hatte, war da noch dieses Wort gefallen, diese Drohung. Thomas Kabelang ging die Sache in Gedanken noch einmal genauer durch. Ja, erinnerte er sich deutlich, er hatte die Bemerkung Brasserts lediglich als eine persönliche Drohung gegen sich aufgefaßt, als leere Drohung allerdings, als Floskel, um nicht einfach wortlos das Feld zu räumen. Heute, fünfunddreißig Jahre später, kam ihm der Gedanke, es könnte da noch ein anderer Zusammenhang bestanden haben, als Brassert abgehend und sich noch einmal halb umwendend hingeworfen hatte, man werde ihm schon noch Drill beibringen. Oder man werde ihnen schon noch Drill beibringen? Nein, Drill hatte er nicht gesagt. So unklug war er nicht. Das verhaßte Wort Drill hatte er, Thomas Kabelang, unbewußt eingesetzt, gewissermaßen unterschwellig, aus dem Unterbewußtsein heraus. Es lag so nahe. Aber Brassert hatte nicht von Drill gesprochen, sondern von Disziplin, die ihm oder ihnen schon noch beigebracht werde. Drill sagte man damals nicht. So wenige Jahre nach dem Kriege. Disziplin hieß das neue Dressurwort. Und erst heute begann er, in der Rückschau auf jene Ereignisse, deren verhängnisvolle Bedeutung zu begreifen. Oder sollte es ein Zufall gewesen sein, was sich noch am selben Abend ereignet hatte?

   
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